Wozu braucht es Erhaltungszüchtung?

09.08.2022Saatgut-Lexikon

Nicht wenige der Sorten in unserem Sortiment sind schon seit vielen Jahrzehnten, manche sogar seit über 100 Jahren bekannt. Es sind Sorten, die sich im Anbau bewährt haben und aufgrund ihres guten und auch vertrauten Geschmacks weiterhin begehrt sind. Zudem sind sie samenfest und tragen eine hohe genetische Vielfalt in sich, die es ermöglicht, sie an die Bedingungen verschiedener Standorte anzupassen.

Um diese Sorten mit ihren individuellen Eigenschaften zu erhalten, bedarf es der Erhaltungszüchtung, da sich die Pflanzen über die Jahre des Anbaus und der Vermehrung weiterentwickeln und auch verändern. Dazu werden in einem größeren Bestand einzelne Pflanzen herausgesucht, bei denen die Merkmale besonders sortentypisch ausgeprägt sind. So bedarf es 500 und mehr Kohlpflanzen einer Sorte, um 50 Pflanzen zu selektieren, die das Sortenbild vollumfänglich wiedergeben. Wichtige Grundlage einer solchen Selektion sind dabei die Sortenbeschreibungen, das Kennen der Sorte und ggf. Sortenmuster, um die gewünschten Merkmale gut von den abweichenden Merkmalen unterscheiden zu können. Dazu zählt etwa neben Pflanzengröße, Wuchstyp, Blattform und -farbe auch z. B. die Anzahl, Größe, Form und Farbe der Früchte. Auch wird der Geschmack als Auswahlkriterium hinzugezogen, um die Sorte in allen ihren Eigenschaften zu erhalten. Diese Maßnahmen zur Erhaltung einer Sorte sind auch deshalb von großer Relevanz, weil Sorten alle 10 Jahre von den Sortenämtern überprüft werden. Je nach Art ist der Umfang dieser Prüfung sehr unterschiedlich. Bei Zucchini etwa sieht das Bundessortenamt eine Kontrolle von 81 verschiedenen Merkmalen vor, bei Grünkohl hingegen nur von 19. Dabei muss eine Sorte unter Beweis stellen, dass sie nach wie vor die Eigenschaften aufzeigt, mit denen sie bei ihrer Erstanmeldung zugelassen wurde. Nur wenn das gelingt, erhält sie die erneute Zulassung und wir dürfen ihr Saatgut weiter in Verkehr bringen.   

Hat sich eine Sorte jedoch über die Jahre verändert und weitere positive Eigenschaften hinzugewonnen, wird oft überlegt, für diese Sorte eine behördliche Neuanmeldung zu beantragen. Da diese Sorte dann nicht mehr ganz der alten Sorte entspricht, hat das jedoch auch eine Änderung des Namens zur Folge. Beispiele, bei denen wir bzw. die Erhaltungszüchter:innen sich für eine Neuanmeldung entschieden haben, sind etwa der Kohlrabi Orinoko (entwickelt aus Noriko), der Spinat Thorin (entwickelt aus Matador) und die Rote Bete Foniro (entwickelt aus Forono).

Die für die Erhaltungszüchtung selektierten Pflanzen dienen der Gewinnung von Elitesaatgut. Dieses Elitesaatgut ist das Ausgangssaatgut für die spätere Saatgutvermehrung. Da es manuell ganz gezielt von wenigen Pflanzen gewonnen wird und dementsprechend nur in geringen Mengen zur Verfügung steht, ist das Elitesaatgut deutlich teurer als später das in den Verkauf gehende Saatgut. Besonders aufwändig ist die Erhaltungszüchtung bei zweijährigen Kulturen wie z. B. Möhren, Kohl oder Rote Bete, da hier eine Überwinterung und eine erneute Pflanzung im Folgejahr erfolgen muss.



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